Musikalisch-Literarischer Vortrag
19. Mai 2011
Gemeindesaal Synagoge Pforzheim
»Anton G. Rubinstein
& sein Einfluss auf die russische Musikentwicklung«
Buchbesprechung von
Prof. Dr. Lydiya Smykalova
Professorin für Englische Philologie an der Universität Lwow/Ukraine,
Mitglied der "Aleksandr Pushkin Russian Society"
Übersetzung:
Empfehlung
In einer deutschen Zeitung habe ich von der feierlichen Präsentation (Anmerkung: 22. Juli 2010) des Buches »Anton G. Rubinstein. Erster Piano-Star, Komponist und Dirigent & seine Beziehung zu Baden-Baden« des Baden-Badener Publizisten Diethard Schlegel gelesen.
Das Buch liegt jetzt vor mir. Ich habe es bekommen während ich das Drehbuch zu einem musikalischen Projekt anlässlich des 180. Geburtstages von Anton Rubinstein fast beendet hatte. Mit großem Interesse habe ich mich an das Lesen des Buches gemacht, das Wort "Lesen" trifft allerdings nicht richtig zu – ich studierte dieses Buch buchstäblich.
Leider kenne ich andere Werke von D. Schlegel nicht, die Entfernung ist zu groß. Aber schon dieses eine Buch hat bei mir den Wunsch geweckt, Ihnen meine Eindrücke mitzuteilen.
Über die Persönlichkeit des Autors habe ich die allgemeinen Angaben aus dem Text des Buchumschlages und den Veröffentlichungen in der deutschen und russischen Presse über die Präsentation des Buches entnommen. Darüber hinaus berichtete mir ihre Eindrücke darüber die Leiterin der Stadtbibliothek Pforzheim Nelli Sitenko, die die Präsentation des Buches in dieser Stadt plant (Anmerkung: 19. Mai 2011). Gerade Nelli Sitenko wies mich auch darauf hin, dass sich die russischsprachige Presse in Deutschland, die oft über aktuelle deutsch-russische und russisch-deutsche kulturelle Beziehungen berichtet, darüber hinaus hauptsächlich nur den wichtigen Beitrag der Deutschen an der Entwicklung der russischen Kultur erwähnt und kaum über Beiträge der Russen an der Entwicklung der deutschen Kultur berichtet. Zweifellos wären solche Berichte auch wichtig und man fragt sich, warum das nicht geschieht.
Schon aus diesem Grund bietet sich das Kennen lernen des Buches von D. Schlegel an. Schon aus dem Titel und der Aufzählung seiner Begabungen geht, neben dem Namen des Mannes der in Russland den Grundstein für den Beruf Musiker gelegt hatte, mit "…Rubinstein in Baden-Baden" hervor, dass der Russe Rubinstein auch etwas für Deutschland geleistet hat.
Wahrscheinlich haben Gott und Schicksal nicht zufällig den Autor D. Schlegel mit Baden-Baden zusammengeführt. Hier, wo er schon einige Jahrzehnte wohnt, wurde sein Talent zum Journalist, Schriftsteller, Historiker, Forscher, Organisator vollkommen geöffnet, hier entwickelten sich die besten Eigenschaften seiner Natur: der titanische Fleiß, die Geduld und Ausdauer, die Gewissenhaftigkeit und die Begeisterung an der Forschung. Gerade diese Eigenschaften, so hell gewölbt und reliefartig, werden im Text der Monografie über A. Rubinstein empfunden.
Bei der Bekanntschaft mit diesem Buch fällt einem sofort die Menge der Quellen, einschließlich der Geschichte des 19. Jahrhunderts sowie der Korrespondenz von A. Rubinstein die der Autor studiert hat, ins Auge, unter anderem vielen Daten, Namen und Zeitungsberichte aus Archiven. Und vieles was wir dort über das Leben Rubinsteins im Ausland lesen findet man in der russischen Literatur nicht. Beim Lesen wird man immer wieder daran erinnert, dass sowohl die russische Kultur nicht nur aus Pushkin, Tchechov, Dostoevskij, u.s.w., sondern auch die deutsche Kultur nicht nur aus Beethoven, Bach, Goethe, Heine, Mann, u.s.w., besteht. Zu beiden Kulturen gehören auch, unter anderen, Rossini, Bizet, Viardot, Rimskij-Korsakov, u.s.w..
Dazu gehört auch der der heutigen Generation wenig bekannte aserbaidschanische Dichter Mirza-Schaffy. Der deutsche Leser des 19. Jahrhunderts kennt dessen Gedichte dank der Übersetzungen des deutschen Literaten und Orientalisten Friedrich von Bodenstedt (1819-1892). Das Buch von Bodenstedt »Die Lieder des Mirza-Schaffy«, übersetzt in mehrere Sprachen, wurde in Europa damals förmlich verschlungen. Auf die Bitte von A. Rubinstein hat P. Tchaikovskij 12 Gedichte des aserbaidschanischen Dichters ins Deutsche übersetzt, die Rubinsteins Vokalzyklus "Persische Lieder" gebildet haben.
Dies nur als Anmerkung, da man auch darauf in dem Buch von D. Schlegel einen Hinweis findet und dies die Tiefe seines Werkes wiedergibt. Auch mit dem vielfältigen, reichlich faktischen Material bindet der Autor den Leser nicht nur an dieses Buch – im Gegenteil. Er lädt dazu ein aus dem Rahmen des Inhalts hinaus zu gehen und sich mit anderen Quellen bekannt zu machen, um die ganze Größe der Verdienste Anton Rubinsteins, nicht nur für die russische oder deutsche Kultur, sondern der weltweiten Kultur zu sehen und zu verstehen.
Niemand hat in der Öffentlichkeit für das musikalische Leben Russlands so viel getan wie Anton Rubinstein. In Russlands Gedächtnis wird der Name dieses hervorragenden Komponisten, Pianisten und Dirigenten dankbar erhalten bleiben. Denn er war es auch, der das erste russische Konservatorium in St. Petersburg schuf, das danach zur Eröffnung des ganzen Netzes anderer musikalischer Institutionen und weiterer Konservatorien in Russland anregte. Dank seiner musikalisch-gesellschaftlichen Tätigkeit wurde die musikalische Bildung in den Schulen eingeführt und Konzertbesuche für die breite Schicht der Gesellschaft ermöglicht, sodass jeder mit der musikalischen Kultur Bekanntschaft machen konnte. Dadurch konnten nicht nur die Talente von Dirigenten, Komponisten und Virtuosen, sondern auch von Erfindern, Ingenieuren und Konstrukteuren entdeckt werden, und dank der Musik lernten auch Choreografie, Malerei und Literatur nicht nur schablonenhaft und oberflächlich, sondern schöpferisch zu denken. Deshalb war das 19. Jahrhundert in Russland nicht nur die Blüte der Literatur und der Kunst, sondern war auch, wie weltweit, von genialen wissenschaftlichen Eröffnungen gekennzeichnet gewesen.
D. Schlegel hat für die feine Auswahl des Materials zum Entstehen des Buches nicht nur intellektuelle sondern auch physische Kraft aufgewendet, neben der Fülle und der Expression ist auch die Tiefe des Eintritts in das Thema wirklich einzigartig.
Die Engländer haben den Begriff "Future in the Past" ("Zukunft in der Vergangenheit"), die Vereinbarung der Zeiten, geprägt. Genauso auch im Buch von D. Schlegel: Der Inhalt spielt im 19. Jahrhundert, aber die Gedanken sind in die Zukunft gerichtet. D. Schlegel ist die Zukunft nicht gleichgültig, vor allem wie künftige Generationen mit der Vergangenheit umgehen. Er fragt sich, ob die nachfolgenden Generationen sich an das geistige Erbe der Vergangenheit erinnern, es aufnehmen und pflegen werden und, wie auch die Vorfahren, weitergeben?
Wie der große tschechische Philosoph, Schriftsteller und Pädagoge Johann Amos Comenius schon 1650 in seinem Buch »Über den rechten Umgang mit Büchern, den Hauptwerkzeugen der Bildung« schrieb:
"Alle Völker der Erde sollen die Bücher in ihren Sprachen haben. Wenn es keine Bücher gäbe wären wir alle roh und ungebildet, denn wir besäßen keinerlei Kenntnisse über das Vergangene, keine von göttlichen oder menschlichen Dingen. Welch göttliches Geschenk sind also die Bücher für den Menschengeist! Kein größeres könnte man sich für ein Leben des Gedächtnisses und des Urteils wünschen. Sie nicht lieben heißt die Weisheit nicht lieben. Die Weisheit aber nicht lieben bedeutet, ein Dummkopf zu sein. Das ist eine Beleidigung für den göttlichen Schöpfer, welcher will, dass wir sein Abbild werden."
(Übersetzung von Texten von D. Schlegel, u.a. aus den KURSTADT-NACHRICHTEN vom 17.11.2010)